Die vitruvianische Milchziege – zwischen Zuchtideal und Wirklichkeit
von Lara Handel, wiss. Mitarbeiterin im Projekt PowerAImage
20.07.2026
Keywords: Milchziegenzucht, Lineare Exterieurbeschreibung, Zuchtwertschätzung, KI, digitale Landwirtschaft
Das Göttliche und das Irdische: Nach Vitruv fügt sich der menschliche Körper mit seinen harmonischen Proportionen ideal in die durch Kreis und Quadrat symbolisierten Ordnungen der Welt ein. Inspiriert von den Schriften des römischen Architekten sowie auf Grundlage eigener anatomischer Studien und Vermessungen junger Männer gelang es Leonardo da Vinci im Jahr 1490, Vitruvs geometrische Vorstellungen zeichnerisch präziser umzusetzen als viele seiner Zeitgenossen.
Mit seinem berühmten Vitruvianischen Menschen präsentierte Leonardo den Menschen als das „Maß aller Dinge“. Es ist eines von vielen historischen Beispielen, die verdeutlichen: Körperproportionen werden seit Jahrhunderten untersucht, interpretiert und mit weitreichenden Deutungen verknüpft.
Wieviel vitruvianische Perfektion steckt in der Milchziege?
Die Faszination für Körpermaße beschränkt sich dabei nicht auf Kunst oder den Menschen. Auch in der Nutztierhaltung spielen Maße, Körperbau und äußere Merkmale eine wichtige Rolle. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit dem vermessenden Blick auf Milchziegen. Für Milchziegen gilt wie für viele andere Nutztierarten, dass für bestimmte Rassen durch Zuchtstandards konkrete Proportionen und Merkmalsausprägungen definiert sind, anhand derer der Zuchtwert eines Tieres beurteilt wird. Obwohl bei vielen Ziegenrassen auch rasseprägende Exterieurmerkmale wie Fellfärbung und -zeichnung berücksichtigt werden, stehen für den Zuchtfortschritt hauptsächlich Eigenschaften wie Milchleistung, Futterverwertung sowie Langlebigkeit und Robustheit im Vordergrund. Der ideale Körperbau der Milchziege bildet dabei die physische Grundlage, um die enormen Stoffwechselbelastungen einer wirtschaftlich rentablen Milchproduktion zu bewältigen.
Bei der züchterischen Beurteilung werden sowohl direkte Maße beispielsweise von Widerristhöhe, Körperlänge, Brustumfang und Zitzenlänge erhoben als auch verschiedene Formmerkmale auf einer Punkteskala von 1 bis 9 bewertet. Dazu zählen unter anderem Beinwinkelung, Rückenlinie und Euterform. Anhand von Körperlänge und -tiefe, dem sogenannten Rahmen, lässt sich beurteilen, ob im Rumpf ausreichend Platz für den Pansen, den größten der vier Wiederkäuer-Mägen, vorhanden ist und damit eine hohe Futteraufnahmekapazität gewährleistet werden kann. Ein großer Brustkorb ermöglicht ein hohes Herz- und Lungenvolumen, was sich positiv auf die Nährstoffversorgung des gesamten Organismus und insbesondere des Euters für die Milchbildung auswirkt. Die korrekte Stellung und Winkelung der Beine, das sogenannte Fundament, sorgt für Trittsicherheit und hilft dabei, Verletzungen beim artgerechten Klettern sowie Gelenkverschleiß zu vermeiden. Auch Merkmale wie Beckenbreite und Beckenneigung werden beurteilt, da sie unmittelbaren Einfluss auf den Geburtsvorgang haben.
Besonders wichtig in der Milchziegenzucht ist natürlich die Beschaffenheit des Euters. Idealerweise ist es großvolumig und zugleich straff aufgehängt. Ein festsitzendes Euter bleibt auch bei hoher Füllung ausreichend vom Boden entfernt und ist dadurch besser vor Verletzungen und Aufschürfungen geschützt. Die Zitzen sollten ausreichend lang und möglichst gerade ausgeprägt sein, da dies den Melkvorgang am Melkstand erleichtert. Darüber hinaus verläuft im Inneren der Zitze der sogenannte Strichkanal, eine schmale röhrenförmige Passage, durch den die Milch das Euter verlässt. Gleichzeitig stellt er den wichtigsten möglichen Eintrittsweg für Krankheitserreger dar. Ein längerer Strichkanal kann daher als zusätzliche Barriere wirken und das Eindringen von Keimen erschweren. Dadurch kann auch das Risiko einer Mastitis, also einer Euterentzündung, sinken.
Eine „gute“ Ziege muss also nicht unbedingt in einen Kreis oder ein Quadrat passen. Viel wichtiger ist, dass sie die physischen Voraussetzungen für eine hohe Leistungsfähigkeit mitbringt und gleichzeitig die Grundlage für ein gesundes, langes Leben besitzt. Dabei stellt das Zuchtideal keinen zu erreichenden Endzustand dar, sondern dient vielmehr als Kompass für die kontinuierliche Verbesserung von Zuchtlinien. Die aufgeführten sowie zahlreiche weitere Merkmale wurden vom Zuchtwertschätzteam Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit Zuchtleiter*innen aus Baden-Württemberg und Bayern beschrieben und in einem Beurteilungsbogen zusammengefasst. Dieser Bogen wird kontinuierlich weiterentwickelt, zuletzt im Jahr 2024 auf Grundlage der neuen internationalen Standards des International Committee for Animal Recording (ICAR). Anhand dieses Beurteilungsbogens bewerten geschulte Zuchtwertschätzer*innen das Exterieur der Tiere im Rahmen der Leistungsprüfung. Weitere Bestandteile der Leistungsprüfung sind die Milchleistungsprüfung, bei der neben der Milchmenge auch Fett- und Eiweißgehalt erfasst werden, sowie die Abstammungserfassung.
Auf Grundlage der Eigenleistung eines Tieres sowie der Leistungen von verwandten Tieren und gegebenenfalls Nachkommen wird anschließend der Zuchtwert geschätzt. Für die Berechnung des Zuchtwerts werden außerdem Umweltkorrekturen vorgenommen. Dabei werden nicht-genetische und somit nicht vererbbare Einflüsse, beispielsweise Fütterung, Haltung, Klima oder betriebliche Unterschiede, statistisch berücksichtigt, um den tatsächlichen genetischen Wert eines Tieres möglichst genau abzubilden.
Eigenstudien nach dem Vorbild Leonardos
Im Projekt PowerAImage beschäftige ich mich mit der digitalen und KI-gestützten Vermessung von Milchziegen anhand von Bilddaten. Dabei interessieren mich insbesondere die Fragen, welche äußerlich erkennbaren Merkmale und Körpermaße an welchen Körperstellen erfasst werden müssen, um belastbare Informationen für Zuchtentscheidungen und das Gesundheitsmonitoring zu gewinnen, und wie die Art der Datenerhebung sowie die eingesetzte Messtechnik die Ergebnisse beeinflussen. Nachdem ich bereits unzählige Ziegenbilder analysiert hatte, wollte ich auch einmal selbst Hand an das reale Tier anlegen und lernen, wie die professionelle Beurteilung einer Milchziege in der Praxis erfolgt.
Das Netzwerk Fokus Tierwohl des LSZ Boxberg organisiert gemeinsam mit dem Zuchtwertschätzteam Baden-Württemberg regelmäßig Workshops zur linearen Exterieurbeschreibung bei Milchziegen. Diese erfasst und bewertet einzelne Körpermerkmale eines Tieres auf einer Skala zwischen biologischen Extremausprägungen, um die Körperform möglichst objektiv zu beschreiben.
Am diesjährigen Workshop durfte auch ich teilnehmen. Neben Ziegenzüchter*innen und -halter*innen waren auch einige Mitglieder des Zuchtwertschätzteams Baden-Württemberg anwesend.
Die Veranstaltung fand auf dem idyllisch gelegenen Bio-Milchziegenbetrieb der Familien Schudt und Schmelz, dem Berghof in Schöllkrippen nahe Aschaffenburg statt. Im Anschluss an eine Einführung durch Pera Herold, Dozentin beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg, erhielten wir bei einer Betriebsführung spannende Einblicke in alle Bereiche des Hofes. Von den Stallungen für Ziegen und Böcke über die Jungtieraufzucht bis hin zur modernen Stalltechnik, dem Melkstand und der hofeigenen Käserei gab es viele schöne und teilweise auch olfaktorisch herausfordernde Eindrücke. Nach einer anschließenden hervorragenden Verköstigung durch Frau Schudt, bei der die hofeigenen Ziegenprodukte im Mittelpunkt standen, ging es schließlich an den praktischen Teil des Workshops.
Trotz der eigenwilligen und manchmal störrischen Art der Ziege, die mir persönlich sehr sympathisch ist, erschien das händische Vermessen mit dem Maßband im Vergleich zur Beurteilung der Formmerkmale noch relativ einfach.
Die bei der linearen Exterieurbeschreibung verwendeten offiziellen Bewertungsbögen enthalten für jedes Formmerkmal Piktogramme der möglichen Ausprägungen und Punktbewertungen. Sie bieten somit eine gute Orientierung. Dennoch wich meine eigene Einschätzung in einigen Punkten, insbesondere bei den Eutermerkmalen, deutlich von der Beurteilung der Expert*innen ab. Ab und an konnte man von den anwesenden Zuchtwertschätzer*innen auch mal den Kommentar „Das ist aber eine wirklich schöne Ziege!“ vernehmen. Für mein noch ungeschultes Auge wirkten jedoch alle betrachteten Ziegen durchaus vorzeigbar. Das Gespür für die feinen, in der Tierzucht jedoch bedeutungsvollen Unterschiede und die Sicherheit bei der Exterieurbewertung kommt eben mit langjähriger Erfahrung und lässt sich nicht in zwei Tagen meistern. Trotzdem habe ich viel darüber gelernt, worauf bei der linearen Beschreibung von Milchziegen zu achten ist und vor allem, warum bestimmte Merkmale in der Zucht eine so große Bedeutung haben.
Besonders interessant war zu beobachten, dass selbst erfahrene Fachleute bei einzelnen Merkmalen nicht immer derselben Meinung waren. Im Gespräch kristallisierte sich heraus, dass viele Teilnehmende den Workshop gerne regelmäßig besuchen, um ihre eigene Bewertungspraxis immer wieder neu zu „tarieren“. Schließlich ist die Beurteilung von Zuchtmerkmalen stets in gewissem Maße subjektiv geprägt, und jede Zuchtwertschätzerin bzw. jeder Zuchtwertschätzer entwickelt im Laufe der Zeit eigene Herangehensweisen und Bewertungsschwerpunkte. Gerade deshalb entstand bei den gemeinsamen Beurteilungen ein wertvoller fachlicher Austausch. Er half dabei, unterschiedliche Sichtweisen abzugleichen und eine möglichst einheitliche sowie vergleichbare Beurteilungsweise sicherzustellen.
Die Milchziege im digitalen Quadrat
Im Projekt PowerAImage streben wir eine Anwendung zur KI-basierten Analyse der Körpermaße und Zuchtmerkmale von Milchziegen an. Dadurch sollen Prozesse der Zuchtwertschätzung beschleunigt und automatisiert sowie für Mensch und Tier angenehmer gestalten werden. Die Erfahrungen aus dem Workshop haben mir gezeigt, welches Potenzial in einer objektiveren Bewertung und der Vereinheitlichung von Entscheidungskriterien durch Künstliche Intelligenz stecken kann. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Expert*innen durch KI ersetzt werden sollen. Vielmehr kann KI als wertvolle Unterstützung dienen und zusätzliche Entscheidungshilfen liefern. Ihre Analyseergebnisse müssen dabei ebenso kritisch hinterfragt, geprüft und fachlich eingeordnet werden wie jede andere Bewertungsgrundlage.
Am Ende des Workshops blieb noch etwas Zeit, um die digitale Bilddatenbank des Projekts um einige Ziegen zu erweitern. Dabei konnte ich auch gleich meine neu erworbenen Fähigkeiten in der Vermessung und Beurteilung der Tiere anwenden und neben den Fotos auch entsprechende Referenzdaten erfassen. Diese ermöglichen es später, die digital bestimmten und KI-vorhergesagten Messwerte mit den manuell erhobenen Parametern zu vergleichen.
Vitruv konnte zu seiner Zeit kaum ahnen, dass eines Tages in der modernen Milchziegenzucht Körperporportionen mithilfe Künstlicher Intelligenz erhoben werden. Die Frage, wie sich Körpermerkmale möglichst präzise erfassen und beurteilen lassen, beschäftigt Forschende jedenfalls bis heute – nur mit anderen Werkzeugen als Zirkel und Zeichenstift.